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Unsere gesamte Lebensweise, das, was wir essen,
trinken und anziehen, wie und wo wir wohnen, was
wir wie feiern, unsere Vorstellungen vom Leben und
der Welt, all dies und weiteres ist Bestandteil
der sich zwar stetig ändernden, aber in einem
großem Maße von Überlieferungen
bestimmten Volkskultur. Wenn wir also zu
Weihnachten einen Tannenbaum schmücken, zu
Ostern Eier bunt färben und zum Geburtstag
die Kerzen anzünden, folgen wir alten Bräuchen.
Meist sind wir uns dessen gar nicht bewusst. Neben
den Traditionen im privaten Leben und von Berufsgruppen,
wie Handwerkern und Seeleuten, gibt es öffentliche,
ortsgebundene Bräuche, z. B. Paraden, Umzüge,
Märkte. Am häufigsten werden wir aber
beim Feiern mit Überliefertem konfrontiert.
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Erntekronenschau
im Freilichtmuseum
Klockenhagen (2001) |
Die Feste im Jahreslauf spielen nach wie vor eine
große Rolle. Ihr Zeitpunkt wurde und wird
durch den Ablauf der bäuerlichen Arbeit innerhalb
des Kalenderjahres (z.B. Erntefest) und durch religiöse
Anlässe (z.B. Weihnachten, Ostern) festgelegt.
Die traditionell mit den Festen verbundenen Brauchhandlungen
dienten einerseits der Sicherung der Versorgung
(Heischegänge), der Einladung der Teilnehmer,
konnten aber auch besondere Fähigkeiten unter
Beweis stellen, die für eine bestimmte Tätigkeit
innerhalb der Gemeinschaft benötigt wurden
(z.B. Hirtenbräuche). "Dabei sind Anlass
und Ausführung von Brauchhandlungen natürlich
immer Wandlungen unterworfen gewesen; jedes Zeitalter
pflegte, bewahrte oder entwickelte die Bräuche
weiter, die ihren Wertvorstellungen entsprachen,
und gab andere Bräuche auf." (Mecklenburgische
Volkskunde, Hinstorff Verlag, Rostock 1988, S. 349).
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Ringstechen
in Lübtheen 1923
Foto: Wossidlo-Archiv |
Heute feiern wir im Norden Feste auf ähnliche
Weise wie die Menschen im Süden Deutschlands.
Durch die modernen Kommunikationsmittel wissen wir
sogar, wie weltweit gefeiert wird und Einiges davon
wie Halloween findet auch bei uns Eingang. Aber
noch im 19. Jahrhundert traten in Mecklenburg-Vorpommern
beim Feiern viele regionale Besonderheiten stärker
hervor. Richard
Wossidlo hat diese gesammelt und aufgeschrieben,
sie sind im Wossidlo-Archiv
aufbewahrt. Auf einige interessante Eigentümlichkeiten
soll hier hingewiesen werden.
Fastelabend:
Als erstes großes Fest im neuen Jahr wurde
im Februar vor dem Beginn der Fastenzeit der Fastelabend
gefeiert, meist drei Tage lang. Vor dem Fest zogen
Knechte und Mägde in Sonntagskleidung mit Holzgabeln
(Gaffeln) und weitbäuchigen Körben von
Haus zu Haus und erheischten mit Sprüchen in
hoch- und/oder plattdeutsch Gaben. Solche Heischegänge
waren auch bei anderen Festen üblich. Die Akteure
erhielten Eier, Würste, Butter, Schinken, Schnaps,
Heetwecken, ein typisches Fastengebäck (früher
in Kreuzform), und Geld. Peitschenknallen, Musik
und traditionelle Sprüche gehörten zum
Umzug.
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Nachgestalteter
Fastelabend: De Dörpschaft
Foto: Volkskulturinstitut |
In einigen Gegenden gab es zum Fastelabend eine
"Dörpschaft", der dörfliche
Typen, wie Dörpschult (Bürgermeister),
Kräuger (Wirt), Dr. Isenbart (Arzt), Mudder
Griepsch (Hebamme), Koortenleggersch (Kartenlegerin),
Schauster Pickeldraht, Köster (Küster
bzw. Lehrer) u. a. angehörten. Der Dörpschult
verlas die Bestimmungen des Dörpstatuts. Ein
"Snutenkönig" wurde gewählt.
Hierbei siegte der- oder diejenige mit der längsten
Nase. Höhepunkt der Fasteltied war der Dienstag,
dann war "Wiewerfastnacht". Frauen und
Mädchen hatten das Kommando. Um das zu unterstreichen,
wurde ein großer bunter Pantoffel mit Bändern
an einer Stange durch das Dorf getragen und am Abend
in der Diele, Scheune oder Gaststätte an der
Decke aufgehängt. Beim Fastelabend, wie bei
fast allen Festen wurde gern und viel getanzt. Die
beliebtesten regionalen Volkstänze hatten Texte,
meist in platt, die mitgesungen wurden.
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Nachgestalteter
Fastelabend:
Der Snutenkönig wird gesucht.
Foto: Volkskulturinstitut |
Ostern:
Am Ostersonntag gingen Frauen und Mädchen vor
Sonnenaufgang aus einem fließenden Gewässer
Osterwasser holen. Absolutes Schweigen war dabei
nötig, sollte das Wasser seine Kräfte
entfalten. Es galt als Heil- und Schönheitsmittel,
half gegen Kopfschmerz, Bauchweh und Rückenbeschwerden.
Ebenfalls am Ostersonntag war in einigen Gegenden
Mecklenburgs das Eierstüpen üblich. Die
Kinder schlichen zum Bett der Eltern, schlugen auf
die Decke und drohten: "Giffst du mi keen Osterei,
slah ick di dat Bett entwei." (Gibst du mir
kein Osterei, schlag ich dir das Bett entzwei.)
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"Pfingstochse.
Heimatfestzug in Malchin (1924)."
Foto: Wossidlo-Archiv |
Pfingsten:
Zunächst waren die Hirten, insbesondere die
Pferdehirten, die Träger des Pfingstbrauchtums.
Sie demonstrierten ihre Kraft, Geschicklichkeit
und Schnelligkeit in verschiedenen Reiterspielen,
um sich für ihre Aufgabe zu qualifizieren.
Später, als es keine gemeinsamen Weiden im
Dorf mehr gab, führten die Hütejungen
(Kuhhirten) die Pfingstbräuche weiter. Sie
standen am Pfingstmorgen schon früh auf, um
als erste ihr Vieh auf die Weide zu treiben. Wer
mit seinem Vieh zuerst dort ankam, war Dausläper,
der zweite König, der dritte königlicher
Adjutant, der vierte Müggenstöwer (Mückenfänger),
der vorletzte Poggengrieper (Froschgreifer)und der
letzte Pingstkarr/Pingstkalf. Der Dausläper
durfte am Abend den Umzug der Hütejungen anführen.
Er bekam einen Birkenzweig an den linken Fuß
gebunden. Auch die Tiere wurden geschmückt.
Dem Umzug voran gingen Peitschenknaller.
Am Nachmittag betrieben die Jungen Wettkampfspiele,
z.B. mit Bällen, die Mädchen Ringel- und
Tanzspiele. Die etwas älteren Kinder bevorzugten
Pfänderspiele, Topfschlagen, Tonnenschlagen,
Blinde Kuh, Kegeln und "Jumfernführen".
Bei letzterem sitzen auf einem einfachen Karussell
(Knarrbom) zwei Mädchen, die sehr schnell im
Kreis gedreht werden, wobei sie nach einem Ziel
greifen, schlagen oder stechen.
Zu Pfingsten gab es Treffen von Gilden, Messen und
Märkte. Am berühmtesten war der ab 1390
in größerem Umfang durchgeführte
Rostocker Pfingstmarkt.
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Erntewagen
mit dem "Ollen"
Heimatfestzug in Malchin (1924)
Foto: Wossidlo-Archiv |
Erntezeit:
Wenn bei der Ernte auf dem Feld ein an der Arbeit
Unbeteiligter, z.B. der Gutsherr, erschien, wurde
dieser "bestrichen". Dazu bildeten die
Mäher einen Kreis um den Gast, setzten ihren
Hut auf die hochkant gestellten Sensen und begannen
einen Wechsel von Spruch und Sensenstreichen. Nach
dem Streichen hatte sich der Bestrichene mit einem
Geschenk in Form von Geld oder Branntwein zu lösen.
Der Fremde konnte auch "gebunden" werden.
Dann stellten sich alle Binderinnen im Kreis um
ihn. Die Vorbinderin legte mit einem Spruch ein
Band um die Hand des Gastes. Er hatte sich auch
hier freizukaufen.
Am späten Abend nach der Arbeit stand das "Bunte
Wasser" bereit (insbesondere an der vorpommerschen
Grenze). In großen Waschbalgen schwammen Blumen,
Sommerfrüchte und Nesseln. Manchmal lag auf
dem Grund eine Brandweinflasche. Gegenseitig bespritzten
und begossen sich Knechte und Mägde mit dem
Wasser, peitschten sich mit den Nesseln, griffen
nach den Früchten, leerten die Flasche. Manchmal
waren die Früchte, die Nesseln und der Alkohol
getrennt in Waschbalgen verteilt und es musste mit
verbundenen Augen zugegriffen werden.
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Bauer und Bauermädchen
aus
der Gegend von Schwerin |
Weihnachten:
Weihnachten, so wie wir es kennen, ist ein Familienfest.
Aber ältere Formen, das Weihnachtsfest und
die Vorweihnachtszeit zu feiern, waren ganz anders.
Es gab Umzüge verkleideter Knechte und Hirten,
die von Haus zu Haus zogen, Sprüche aufsagten
und dafür Gaben erhielten. Am bekanntesten
ist der Rugklas oder Klingklas, eine mit Erbstroh,
Säcken oder Fellen vermummte Gestalt mit schwarz
bemaltem Gesicht, die Angst machen sollte. Dazu
gesellten sich oft Kinjees (Kind Jesus), Schimmelreiter
und Knapperdachs, eine Figur mit einem zangenartigen
Holzmund über der Hand, die besonders gern
junge Mädchen kniff.
Aus Schweden, das Teile von Vorpommern und Mecklenburg
über lange Zeit besetzt hatte, stammt Julklapp.
Dabei wird ein Weihnachtsgeschenk in zahlreiche
Hüllen mit wechselndem Adressaten verpackt
und mit dem Ruf "Julklapp!" in die Stube
geworfen. Manchmal war im Paket auch nur ein Zettel
versteckt, auf dem stand, wo sich ein weiteres Paket
befand, in dem wieder ein Hinweis lag. So schickte
man die Weihnachtsgesellschaft durch das ganze Haus,
bis sie das eigentliche Geschenk erhielt. Junge
Leute trieben damit gern ihre Scherze, versteckten
z. B. hässliche Gaben oder lebende Tiere.
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Tonnenreiten
heute
Foto: Volkskulturinstitut |
Zu den wenigen wirklich traditionellen Festen für
die Öffentlichkeit zählt das Tonnenreiten
im Grenzraum zwischen Mecklenburg und Vorpommern.
Es verläuft im Gegensatz zu den sich meist
nur mit überlieferten Namen schmückenden
Märkten (z. B. Rostocker Pfingstmarkt), streng
nach alten Regeln. Tonnenkönig wird, wer das
letzte Stück einer aufgehängten Tonne
auf einem Pferd reitend mit einem Knüppel abschlägt.
Jeden Sommer zieht das Tonnenreiten tausende von
Besuchern an.
Wer mehr über die alten Bräuche und die
regionale Volkskultur erfahren möchte, kann
das im Volkskulturinstitut
Mecklenburg und Vorpommern im Kulturbund e.V.
sowie in den verschiedenen volkskundlichen
Archiven und Museen
unseres Landes.
Gerda
Strehlow, Volkskulturinstitut
Mecklenburg und Vorpommern
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